Kolpingsfamilie Welden
im Diözesanverband Augsburg

Geleitwort des Präses für 2019

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Max Schmeling verteidigt durch einen K.O.-Sieg über den Italiener Michele
Bonaglia seinen Titel als Europameister im Halbschwergewicht. Stalin setzt durch
seine Unterschrift den ersten Fünf-Jahres-Plan der Sowjetunion in Kraft, Hitler
beendet sein zweites, unveröffentlichtes Buch die "Bodenpolitik der Zukunft". In
Welden wird der Kolping-Gesellenverein gegründet. Das alles geschah im 1928.
90 Jahre trennen uns von diesen Ereignissen. Unser Alltagsleben, damals noch
bestimmt vom langsameren Rhythmus des bäuerlichen Lebens, wird heute von der
viel schnelleren Taktfrequenz des Internets. Wir leben in einer hektischen und
globalisierten Welt, die sich laufend und immer schneller ändert und so stets neue
Anforderungen an die Menschen stellt. Vieles, was vor 90 Jahren galt, ist heute
längst überholt oder schon vergessen. Für viele Menschen gilt das auch für das
Christentum und die Kirche. Sind in einer Zeit der individuellen Freiheit religiöse
Gebote und Richtlinien überhaupt noch notwendig? Braucht eine vernetzte und
globalisierte Computergesellschaft überhaupt noch einen Glauben an einen
Schöpfer- und Erlösergott oder schaffen wir unsere Welt nicht besser selbst?
Kolping ahnte schon im neunzehnten Jahrhundert, dass eine Gesellschaft, die nicht
mehr vom Glauben an eine Verantwortung vor Gott geprägt ist, allzu schnell auch
die Menschenwürde mit Füßen tritt: „Gottes Wahrheit und Gerechtigkeit aus der
menschlichen Gesellschaft heraushalten wollen, ist doch sicher gottlos; und die
Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft damit fördern zu wollen, ist zum
mindesten gesagt unsinnig.“ Die Konzentrationslager und Gulags 20. Jahrhunderts
mit ihren Millionen Ermordeter haben ihm auf tragische Weise Recht gegeben.
Und deswegen trat er zeitlebens für eine Einmischung des Christen in die Politik
ebenso ein wie für die Freiheit der Kirche, an dieser Gesellschaft mitzuwirken.
„Darum hat das Christentum die unerlässliche Pflicht, auch ins soziale Leben
einzutreten und dieses zu reinigen, zu heiligen und nach der wahren Gerechtigkeit
zu gestalten. Das Christentum ist nämlich für den ganzen Menschen in allen seinen
Lebensbeziehungen da, soll ihn vom Bösen erlösen und in allem Guten unterrichten
und stark machen.“ Einen Rückzug der Kirche aus der Gesellschaft in das stille
und geschützte Kämmerlein des Privatlebens oder der eigenen Familie war für ihn
undenkbar, einer solchen Haltung hätte er wohl das Christentum abgesprochen.
Diesen Aufgaben dürfen wir uns als Christen und als Kolpingfamilie trotz allen
Gegenwinds und aller persönlichen Unvollkommenheit nicht entziehen. Und wir
können darauf vertrauen, dass Gott uns begleitet vollendet, was wir immer nur
bruchstückweise beginnen.

Autor: Dr. Ernst Freiherr von Castell
14.04.2019
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